Herstellung von Dornentinte

Ein Selbstversuch

 

Neben der Eisen-Gallus-Tinte war auch eine Tinte aus Rindenauszug in Gebrauch. Im Gegensatz zur Gallus-Tinte greift sie nicht das Papier an, ist licht- und wasserbeständig. Der Mönch Theophilus hat um 1100 ein entsprechendes Rezept dazu niedergeschrieben:

Man schneidet Dornenzweige von Schlehen im April oder Mai kurz vor dem Ausschlagen und lässt diese einige Tage liegen. Dann wird die Rinde abgeklopft und mit Wasser angesetzt. Dieser Ansatz bleibt ebenfalls einige Tage stehen. Wenn das Wasser rotbraun verfärbt ist, wird die Mischung aufgekocht und mit der Rinde versetzt. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis die Rinde völlig ausgelaugt, also von allen farbgebenden Bestandteilen gelöst ist. Die so entstandene Brühe wird zum Schluss mit Wein eingekocht und manchmal auch mit Baumharz verdickt und in einem Pergamentsäckchen an der Sonne getrocknet. Zum Schreiben löst man die pulvrige Substanz in warmem Wein.“

 

Mitte April 2018. Die Zeit ist reif für einen Selbstversuch!

 

Materialbeschaffung

Schlehen wachsen hier zur Genüge. An Wegesrändern, zwischen den Feldern. Man kann getrost ein paar Zweige abschneiden, ohne der Natur Schaden zuzufügen. Und da im April noch keine Vögel nisten, fühlt sich auch niemand gestört (Wer den Versuch nachmachen will, sollte ggf. beim zuständigen Förster um Erlaubnis fragen).

Ein Teil der Zweige ist frisch geschnitten (etwas spät, sie trugen teilweise bereits Blüten), ein Teil war bereits von Bauern gerodet worden und lag angetrocknet am Wegesrand herum. Die Zweige wurden zum Trocknen in die Sonne gepackt.

 

Nach einem Tag in voller Sonne lassen sich die frisch geschnittenen Zweige wunderbar leicht entrinden. Ein paar Schläge mit dem Hammer, und die Rinde löst sich in schönen langen Streifen.

Die älteren Zweige erweisen sich als zu trocken, man kann höchstens noch die oberste Rindenschicht abfummeln. Erscheint mir wenig sinnvoll...

 

Gut 2 Stunden später... Eine Fummelarbeit... Hier sieht man die Ausbeute im 8-Liter-Topf.

   

 

Wässern und aufkochen

Nun werden die Rindenstreifen mit heißem Wasser übergossen. Das Wasser färbt sich umgehend rot-braun, wie ein schöner Tee.

Tag 1; der erste Aufguss:

  

 

Tag 3

Die Rinde wird abgeschüttet, der Auszug aufgekocht (riecht nicht eben sooo lecker...). Danach wird die Rinde mit dem kochenden Sud übergossen und kommt zurück auf die Herdplatte. Die Flüssigkeit ist schon dunkler geworden.

 

Tag 5

Der Vorgang wird wiederholt, aber nun darf die Rinde im Topf noch etwas mitkochen.  Die Rinde ist deutlich weicher geworden, der Sud wirkt konzentrierter.

  

 

Tag 8

Die Suppe durfte dieses Mal 3 Tage stehen, dann wird der Aufkoch-Vorgang erneut wiederholt.

  

 

Tag 13

Aus Zeitmangel blieb die Suppe dieses Mal 5 Tage stehen.

Die Rinde wird ausgesiebt, Zeit für den nächsten Schritt. Links die ausgelaugte Rinde, rechts die Brühe.

 

  

 

Hier ein Farbvergleich vom Sud, jeweils vor dem erneuten Aufkochen, Tag 1 bis 12 von links nach rechts:

          

 

Einkochen und trocknen

Sieht aus wie braune Bratensoße (riecht auch gar nicht schlecht) und köchelt nun leise vor sich hin...

 

Nach gut 4 Stunden bleibt von ca. 750 ml noch ein kümmerlicher, sehr konzentrierter Rest (ca. 50 ml) übrig.

Die Flüssigkeit hat eine Konsistenz wie sehr flüssiger Honig.

Früher schüttete man die Flüssigkeit in ein Säckchen aus Pergament, hier ersetzt durch schnödes Backpapier.

Damit die restliche Flüssigkeit verdunsten kann, wandert das Ganze nun an einen sonnigen Platz.

Langsam wird es wirklich spannend!

 

Nach 5 Tagen in der prallen Sonne hat das Zeug die Konsistenz von zähem Harz angenommen. Dort, wo es schon völlig eingetrocknet ist, ist die Substanz lackartig und hart, sie splittert regelrecht vom Pergamentpapier ab. Die Farbe variiert von rotbraun bis schwarz.

  

 

Nach 12 Tagen eintrocknen bleibt das hier übrig: zwei zähe, lackartige Klumpen. Faszinierend!

 

Ob man damit auch schreiben kann?

Eine kleine Ecke wird in Wein aufgelöst....

 

... tatsächlich, es funktioniert!!!!

Die Tinte läuft sehr schön und flüssig von der Feder, lässt sich wunderbar schreiben. Nach dem Trocknen bildet die Tinte eine lackartige Schicht.

(Als Untergrund diente hier Pergament)