Die Dominikaner und die Inquisition

Lodernde Scheiterhaufen, Streckbank und Daumenschrauben, gefolterte Hexen und Ketzer, rothaarige Kräuterfrauen im Kerker, Galileo Galilei und der Kampf der Kirche gegen Wissenschaft und Fortschritt. Und mittendrin der finster dreinblickende Inquisitor im Habit der Dominikaner! Solche und ähnliche Bilder stellen sich nahezu automatisch ein, wenn der Begriff "Inquisition" fällt. Sicher ist nicht alles falsch, was da durch die Medien geistert, aber viele Dinge werden verzerrt dargestellt oder sind schlichtweg falsch!

Lösen wir einige Missverständnisse auf!

 

DIE Inquisition? Nein!

DIE Inquisiton gibt es nicht! Man muss unterscheiden zwischen der mittelalterlichen Inquisition und der neuzeitlichen (römischen) und der spanischen Inquisition.

 

Ein kurzer Überlick:

 

Inquisition im Mittelalter

Ursprünglich bezeichnet der Begriff "Inquisition" keine Institution, sondern ein juristisches Verfahren (lat. inquisitio = Untersuchung); der Vorsitzende des Verfahrens ist der Inquisitor. Anfangs dienten Inquisitionsverfahren ausschließlich dazu, innerkirchliche Misstände zu bekämpfen. Es gab keine "angestellten" Inquisitoren, keine "festen Mitarbeiter". Die Inquisition war auch keine feste Institution, und sie war nicht permanent tätig. Sie wurde erst dann aktiv, wenn man es von kirchlicher Seite für notwenig erachtete.

Vornehmlich richtete sich die Inquisition gegen Häresie = Irrglaube. Allen voran sind hier die Katharer und Waldenser zu nennen. Es wurden auch Tatbestände verfolgt, die mit Glaubensfragen zu tun hatten, beispielsweise Blasphemie (Gotteslästerung) und Magie. Bei der Hexenverfolgung (die ohnehin in die Neuzeit und nicht ins Mittelalter fällt) spielte die Inquisition eine untergeordnete Rolle.

Papst Innozenz III. (1161 - 1216) legte den Grundstein für diese neue Form des Ermittlungsverfahrens. Während bis dato vorwiegend Eide und Gottesurteile für die Wahrheitsfindung zu Rate gezogen wurden, ging die Inquisition völlig neue Wege: die Prozessverläufe wurden dokumentiert, man bediente sich rationaler Beweisführung und Zeugenaussagen.

Im Zusammenhang mit den Katharern kamen die Dominikaner auf den Plan: da sich bereits der Hl. Dominikus eingehend mit diesen Irrgläubigen beschäftigt hatte, und somit die Dominikaner mit den Denkweisen und Argumentationen der Katharer vertraut waren, waren sie prädestiniert als Inquisitoren. Zudem fanden sich in ihren Reihen vorwiegend kluge und gelehrte Köpfe, die auch in der Lage waren, geschickte Verhörtaktiken zu entwickeln. Neben den Dominikanern waren aber auch die Franziskaner maßgeblich an Inquisitionsverfahren beteiligt.

1252 genehmigte Papst Innozenz IV. die Folter zur Wahrheitsfindung. Die Folter war sehr streng reglementiert, Art und Anzahl der "peinlichen Befragungen" wurden festgelegt. Der Betroffene sollte keine körperlichen Schäden davon tragen (ob dieser Regelung stets Rechnung getragen wurde, soll dahingestellt bleiben...).

Im Laufe des 13. Jd. wurde das Inquisitionsverfahren auch von weltlichen Gerichten übernommen.

Todesurteile durfte die Inquisition nicht verhängen, dafür mussten weltliche Gerichte bemüht werden. Allerdings lag die Quote der Todesurteile ohnehin nur bei etwa 5%. Waren Angeklagte geständig und reumütig, durfte in keinem Fall die Todesstrafe verhängt werden!


Römische Inquisition

Gegründet 1542 durch Initiative des Papstes diente sie in erster Linie dazu, das Vordringen des Protestantismus nach Italien aufzuhalten. Sie ging vorrangig gegen Druckwerke mit protestantischem Gedankengut vor, es kam zu Bücherverboten.

In diese Zeit fällt auch der Prozess gegen Galilei. Sein neues Weltbild rückte die Sonne, nicht die Erde, ins Zentrum des Universums. Galilei wurde verfolgt, weil dieses Weltbild den Vorgaben der Bibel widersprach, nicht wegen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.

Überführte Häretiker wurden vornehmlich zu relativ milden Strafen wie Bußen, Gefängnis oder Pilgerfahrten verurteilt. Wollte der Angeklagte seinem Irrglauben nicht abschwören oder wurde gar rückfällig, kam es zu Todesurteilen, die allerdings durch die weltliche Gerichtsbarkeit vollzogen wurden.

Der Ablauf des Verfahrens unterschied sich nicht wesentlich vom mittelalterlichen Inquisitionsprozess.

1798 wurde die römische Inquisition abgeschafft.

 

Spanische Inquisition

Gegründet 1478 auf Grundlage eines Papsterlasses, der den Monarchen erlaubte, eigenständig Inquisitoren zu ernennen. Daraus entwickelte sich eine staatliche Behörde, die nicht der katholischen Kirche unterstellt war. Inquisitoren mussten eine rechtswissenschaftliche oder theologische Ausbildung nachweisen, um zugelassen zu werden.

Ursprünglich machte die span. Inquisition Jagd auf "Conversos", vornehmlich Juden und später auch Muslime, die zum Christentum konvertiert waren. Man verdächtigte sie, weiterhin ihrem ursprünglichen Glauben anzuhängen, die Inquisition sollte sie "im Auge behalten". In 17. Jd. kamen die Protestanten ebenfalls auf die Liste der "Irrgläubigen" und gerieten somit ins Visier der Inquisition.

Die Bestrafung erfolgte ähnlich wie bei der röm. Inquisition, und auch hier war der Prozentsatz der Todesurteile überraschend niedrig: von über 44.000 überlieferten Prozessen wurden lediglich etwas über 800 Todesurteile verhängt.

Am 31. Juli 1826 gab es in Valencia ein letztes Todesurteil der Spanischen Inquisition. Am 15. Juli 1834 wurde die Spanische Inquisition nach 356 Jahren Bestehen abgeschafft.

 

Hexenwahn

"Im Mittelalter wurden tausende Frauen von der Kirche als Hexen auf den Scheiterhaufen verbrannt!"

So jedenfalls will es ein beliebtes Klischee.

Aber war es tatsächlich so?

Vorneweg: Die Hochzeit der Hexenverfolgung liegt zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, das Mittelalter war vorbei!

Bis heute sind viele Protokolle der damaligen Hexenprozesse erhalten geblieben. Akribisch wurde jeder Vorgang dokumentiert, die Stufen der Folter wurden niedergeschrieben, Todesfälle im Kerker vermerkt. Um die 60.000 Menschen sind dem Hexenwahn zum Opfer gefallen, ca. die Hälfte davon allein in Deutschland.

Diese Strafprozesse fielen allerdings in die Zuständigkeit staatlicher Gerichte, nicht in die der Kirche. Meist kamen die Bezichtigungen aus der Bevölkerung, jeder denunzierte jeden. Was heute als Nachbarschaftsstreit vor Gerichten ausgetragen wird, konnte damals auf dem Scheiterhaufen enden. Hexenprozesse gab es durch alle Gebiete, ob katholisch oder protestantisch. Auch lässt sich keine erhöhte Anzahl der Opfer in den Reihen der Hebammen oder Heilerinnen ausmachen, keine bevorzugte Verfolgung der Kräuterfrauen. Sie fielen den Hexenjägen anteilsmäßig gleichberechtigt mit allen anderen Bevölkerungsschichten zum Opfer. Entgegen der landläufigen Meinung trifft es auch besonders häufig wohlhabende Bürger bis hin zur Obrigkeit. Geldgier und Konkurrenzdenken waren hier die Antriebsfeder.

Die kirchliche Inquisition hat sich auch in dieser Epoche wenig mit der Hexerei beschäftigt. Anfangs wurden Hexenverfolgungen von der Inquisition sogar abgelehnt. Die Inquisitoren befassten sich (immer noch) bevorzugt mit dem Aufspüren von Ketzern. Ziel war aber nicht die Ausrottung bzw. ein Todesurteil, vielmehr sollten die Irrgläubigen zurück auf den rechten Weg und zum rechten Glauben geführt werden.

Thomas von Aquin (1225 - 1274), ein Dominikaner, verfasste zahlreiche Schriften, in denen auch von Zauberei, Dämonen und Hexerei die Rede ist, die aber im Grunde nicht viel mit dem späteren Hexenglauben zu tun haben. Allerdings haben seine Schriften spätere Hexenjäger inspiriert und man hat die Autorität von Thomas von Aquin genutzt, um eigene Ansichten zu legitimieren, in dem man seine Zitate bewusst missverstanden und falsch interpretiert hat.


Die große Hexenjagd

Die größte Welle von Hexenverfolgung beginnt im 15. Jahrhundert.

Die "kleine Eiszeit", eine über Jahrzehnte anhaltende Kälteperiode, führt zu Missernten und Hungersnöten. Zusätzlich bringt die Reformation des Martin Luther reichlich Unruhe mit sich, die Grundfesten des Glaubens werden erschüttert (zumal Luther ein Befürworter der Hexenverfolgung war). Der 30jährige Krieg entbrennt, Endzeitgedanken machen sich breit, man befürchtet die Apokalypse.

Schließlich tritt auch noch Heinrich Kramer auf den Plan und verfasst den berüchtigten "Hexenhammer", der reißenden Absatz findet. Er gibt damit der Obrigkeit ein Werkzeug an die Hand, endlich mit den vielfach an sie herangetragenen Bezichtigungen umzugehen. Eine unheilvolle Entwicklung beginnt.

Das Volk (nicht die Kirche!) sucht nach Schuldigen und Sündenböcken, man schreit nach Hexerei und Teufelswerk. Schnell kommt es zu ersten Bezeugungen und Verhaftungen angeblicher Hexen und Zauberer. Unter der Folter bezichtigen die Angeklagten weitere Personen der Hexerei, es kommt zu einer Lawine von Verhaftungen...

Die Kirche ist nur teilweise in diese Verfahren involviert und kann nicht als Verursacher dingfest gemacht werden. Eher liegt die Verantwortung in den Händen der Bevölkerung und der weltlichen Macht (Stadträten usw.).  Die Anzeige einer vermeintlichen Hexe wurde auch gerne als Mittel der Wahl angesehen, sich am Vermögen der Hingerichteten zu bereichern oder einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Weg zu schaffen...

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts endet die Verfolgungswelle und die Vernunft gewinnt die Oberhand. 1775 findet die letzte Hexenverbrennung statt.

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Im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Inquisition kommt man um einige Personen aus den Reihen der Dominikaner nicht herum:

 

Bernard Gui

Umberto Eco hat ihn legendär gemacht und ihn zum bösen Inquisitor schlechthin stilisiert: Bernardo Gui! Mit finsterer Miene und ausgestrecktem Zeigefinger ist er stets und ständig auf der Suche nach Hexerei und Aberglaube, unerbittlich zerrt er Bauernmädchen, Kellermeister und aufmüpfige Franziskaner vor sein Gericht. Aber wie war Bernard wirklich?

Bernard Gui wurde 1261 oder 1262 im französischen Royère geboren. Um 1270 trat er in das Dominikanerkloster Limoges ein, 1280 legte er die Ordensgelübde ab. Er studierte in diversen Ordensschulen, unterrichtete Theologie und absolvierte ein Studium der Theologie in Montpellier, der damals wichtigsten Schule der Dominikaner. Anschließend wirkte er als Lehrer im Süden Frankreichs (u. a. in Carcassonne) und fungierte als Prior verschiedener Konvente, einschließlich seines Heimatkonventes in Limoges.

1307 wurde er zum Inquisitor ernannt. In den insgesamt 930 üerlieferten Urteilen Bernard Guis gegen Ketzer wurden 42 Hinrichtungen ausgesprochen, 307 Urteile lauteten auf dauernde Kerkerhaft. Alle anderen Strafen bestanden aus unterschiedlichen Bußleistungen.

Während seine Amtsvorgänger im Ruf der Korruption und Bereicherungssucht gestanden hatten, ging Bernard Gui mit der Effizienz eines gut organisierten und loyalen Bürokraten seiner Bestimmung nach.

Bernard war sicherlich ein effizienter und konsequenter Inquisitor. Aber er war mit Sicherheit nicht der fanatische Hexenjäger, zu dem Eco ihn stilisiert hat! Vielleicht wurde Eco inspririert durch Heinrich Kramer, welcher viel mehr dem Bild entspricht als Bernard Gui...

1331 starb Bernard Gui und wurde in der Kirche des Dominikanerkonvents in Limoges, seiner Heimatdiözese, beigesetzt.

 

Schriften

Bernard hat zahlreiche Bücher und Materialsammlungen hinterlassen, insbesondere historisch bedeutsame Schriften zur Geschichte des Dominikanerordens. Auch war er in die Heiligsprechung des Thomas von Aquin involviert und verfasste dessen Lebensbeschreibung (Legenda sancti Thomae de Aquino, 1318/23).

Besondere Bedeutung kommt sicherlich seinem Buch über die Inquisition zu. Tractatus de practica inquisitoris ist ein Handbuch, dass einem Inquisitor umfassendes Wissen über Lehre, Rituale und Verhaltsweisen von Häretikern vermittelt. Katharer, Waldenser, Spirituale sowie Zauberer und Wahrsager werden genauestens beleuchtet und es werden Wege aufgezeigt, wie diese zu verhören und zu überführen sind. Besonderen Wert wird dabei mitnichten auf die Folter gelegt (die aber letztendlich auch zur Anwendung kommt, wenn sonst keine Mittel greifen), vielmehr sollen die Irrgläubigen durch geschickte Argumentation zum einen überführt, zum anderen auf den rechten Weg zurück gebracht werden.

 

Heinrich Kramer

Heinrich Kramer (auch „Heinrich Institoris“, 1430 – 1505) trat 1445 dem Dominikanerorden bei und absolvierte ein Grundstudium der Theologie.

1479 wurde er auf eigenes Betreiben zum Inquisitor der Ordensprovinz Alemannia bestellt. Dieser Titel hatte allerdings zu dieser Zeit kaum mehr praktische Bedeutung.

Kramer rühmte sich, 200 Hexen zur Strecke gebracht zu haben, und beschuldigte auch diejenigen als Ketzer, welche an der Existenz von Hexen zweifelten.

Kramers Vorgehen war prägend für das Bild, dass sich in vielen Köpfen bildet, wenn von Inquisition die Rede ist:

Schon durch sein bloßes Erscheinen sähte er Misstrauen und Angst. Er predigte von der Bedrohung durch den Teufel und schüchterte die Menschen ein. Er drängte darauf, mutmaßliche Hexen bei geringsten Anzeichen zu denunzieren und warnte vor jeder Verheimlichung. Er blähte die "Beweise" künstlich auf, bediente sich der Folter und strebte schlußendlich den Schuldspruch an.

Der immer radikaler werdende Kramer erfreute sich, wo immer er auch hinkam, nicht gerade großer Beliebtheit. Auch nicht im eigenen Orden. Je fanatischer er wurde, desto mehr geriet er in Kritik und manche Obrigkeit jagte ihn aus der Stadt oder bezichtigte ihn selber der Hexerei.

1487 verfasst er seinen Maleus maleficarum, den berühmt-berüchtigten "Hexenhammer".

Durch den inzwischen erfundenen Buchdruck erreichte das Buch eine unglaublich hohe Auflage von 30.000 Exemplaren und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Durch das neue Druckverfahren trennte sich das Buch vom üblen Ruf seines Verfassers, es begann ein unheilvolles Eigenleben zu führen und wurde schließlich zum "Hexengesetzbuch" für Strafrichter. Manche Forscher haltes es für das unheilvollste Buch, das je geschrieben wurde.

Wer weiß, vielleicht war Kramer die historische Vorlage, nach der Umberto Eco in seinem Roman "Name der Rose" Bernard Gui gezeichnet hat?

Wie auch immer, Kramer kann sicherlich nicht als allgemeingültiges Beispiel für die Inquisatoren oder gar die Dominikaner gelten. Man sollte ihn vielmehr als fehlgeleiteten Fanatiker sehen, denn nichts anderes war er letztendlich.

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Abschließend ein sehr interessanter und aufschlussreicher Link zum Thema:

Dominikaner und Inquisition